23/01/2026 0 Kommentare
Verhüllter Altar – offener Blick Ein Kunstprojekt zur Passionszeit 2026 in St. Nicolai
Verhüllter Altar – offener Blick Ein Kunstprojekt zur Passionszeit 2026 in St. Nicolai
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Verhüllter Altar – offener Blick Ein Kunstprojekt zur Passionszeit 2026 in St. Nicolai
In der Passionszeit geht es um Konzentration, um Unterbrechung des Gewohnten und um die Frage, was wirklich trägt. Für die Passionszeit 2026 ist in unserer Kirche St. Nicolai ein besonderes Projekt geplant, das diese Dimensionen auf eindrückliche Weise aufnimmt: die Verhüllung des Altars durch ein großformatiges Stoffbanner.
Der Impuls zu diesem Vorhaben kommt von dem Föhrer Fotografen und Grafiker Harald Bickel. Er hat vorgeschlagen, ein Motiv aus seiner bekannten Serie Fotovisionen zum Klimawandel auf ein leichtes Textil zu übertragen und damit den Altarraum von Aschermittwoch bis zum Karsamstag weitgehend zu verhüllen. Dieses Motiv ist vielen bereits aus dem Gemeindehaus vertraut – nun soll es im Zentrum unserer Kirche wirken, an einem Ort, der sonst von Klarheit, Sichtbarkeit und liturgischer Ordnung geprägt ist.
Mit dieser künstlerischen Geste knüpfen wir bewusst an eine alte kirchliche Tradition an. Schon im Mittelalter wurden in der Passionszeit Altäre verhüllt oder – wie bei den großen Flügelaltären Norddeutschlands – geschlossen. Die prächtigen Vorderseiten mit ihren Auferstehungs- und Heiligendarstellungen verschwanden, sichtbar wurden die schlichteren, oft ernsteren Rückseiten. Diese Praxis ist bis heute in großen Stadtkirchen Lübecks ebenso bezeugt wie in ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins, in Nordfriesland und auch auf unserer Insel Föhr. Verhüllung bedeutete dabei nicht Verlust, sondern Verweisung: auf das, was noch aussteht.
Besonders bekannt sind die sogenannten Hungertücher, die seit dem 10. Jahrhundert den Blick auf den Altar verdeckten. Sie sollten helfen, sich innerlich zu sammeln, den Mangel auszuhalten und den Blick zu schärfen für das Wesentliche. In vielen Gemeinden werden diese Traditionen heute neu entdeckt – nicht als nostalgischer Rückgriff, sondern als bewusste spirituelle Praxis in einer lauten, übervollen Welt.
Das geplante Banner greift diesen Gedanken auf und verbindet ihn mit den drängenden Fragen unserer Zeit. Klimawandel, Verantwortung für die Schöpfung, menschliche Hybris und verletzliche Hoffnung – all das sind Themen, die uns nicht nur politisch oder gesellschaftlich, sondern auch theologisch herausfordern. Was bedeutet es, dass Gott diese Welt liebt? Was heißt Umkehr heute? Und wie halten wir Leid aus, ohne die Hoffnung preiszugeben?
Die Verhüllung des Altars setzt hier ein starkes Zeichen: Sie unterbricht das Gewohnte, irritiert vielleicht sogar – und lädt gerade dadurch zum Nachdenken ein. Der verhüllte Altar wird zum Spiegel unserer eigenen Ungewissheiten. Zugleich bleibt er Ort der Verheißung. Denn die Verhüllung ist zeitlich begrenzt. In der Osternacht wird sie aufgehoben, das Tuch gelüftet, der Altar wieder sichtbar – als Zeichen dafür, dass Gott mit dieser Welt noch nicht am Ende ist.
Begleitet wird das Projekt durch ein kostenloses Heft, das während der gesamten Passionszeit in der Kirche ausliegt. Es informiert über die künstlerische Idee, ihre Hintergründe und die spirituellen Impulse, die damit verbunden sind. Die Finanzierung erfolgt – wie bei vielen Projekten von Harald Bickel – über Sponsoren, die transparent benannt werden.
Ich empfinde dieses Vorhaben als eine große Chance für unsere Gemeinde: Tradition und Gegenwart, Kunst und Theologie, Klage und Hoffnung miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Altarverhüllung lädt uns ein, die Passionszeit bewusst zu begehen – mit offenem Herzen und wachem Blick.
Pastor Lars Olaf Aue
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